Fremde Körper ganz nah

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Das urbane Gelände rund um die „Fabrik“ in der Schiffbauergasse am Ufer der Havel dampfte am Freitagabend förmlich vor jugendlicher Euphorie als stünde der lang herbeigesehnte Auftritt eines internationalen Musikstars bevor.

Berliner Vorstadt. Aus dem Stimmengewirr waren immer wieder auch Fetzen romanischer Sprachen herauszuhören, denn die Aufführung des internationalen Tanz-Theater-Projekts „Foreign Bodies“ – Fremdkörper vereinigte 50 junge Akteure eines Kulturvereins aus dem süditalienischen Polignano a Mare und einer baskischen Theaterschule aus Bilbao mit der Theatergruppe Tarántula des Offenen Kunstvereins Potsdam. Die Künstler sollten alsbald existenziellen Fragen nachgehen: Wer ist unser Körper? Wie kann der eigene Körper fremd werden?

Als sich die Saaltüren endlich öffneten, füllten sich die Reihen in Windeseile und den letzten Nachdrängenden wurden eilends Sitzplätze auf Matten und Treppenstufen zugewiesen. Dieses elektrisierte Publikum erzwang mit heftigem Vorausapplaus dann einen Theaterabend, der in nur zehntägiger Probenarbeit unter Anleitung von Ulrike Schlue und Clara Pujalte von den Akteuren selbst erarbeitet worden war.

Schon die ersten Sequenzen, Bilder und Töne erwiesen, dass das große Thema „Körper“ phantasievoll mäandernd ergründet wurde. Sechs Musiker sowie Kreative an vier Overhead-Projektoren und ständige Kostüm-, Requisiten- und Lichtwechsel verzauberten die Bühne sechzig ereignisreiche Minuten lang in eine Projektionsfläche für immer neue wundersame Bilder.

Da wurde elegisch bis ekstatisch getanzt, gestampft, marschiert und diese oft an Traumbilder erinnernden Szenen waren in eine wunderbare Klangwelt eingebettet.

Einmal bewegten sich Tänzer im Halbdunkel und schwenkten ihre mit blauen und sternhellen Lichtpunkten besetzten Körper so, dass hunderte Sternchen im Takt der Musik schwebten. Der Bühnenraum wurde so zu einem endlosen Glitzerkosmos voller von Sehnsucht verzauberter Menschenwesen.

Meist war die Bühne mit sich bewegenden Akteuren oder zusätzlich kreuz und quer auf dem Boden liegenden Darstellern gefüllt. Auf der von Projektoren angestrahlten Rückfront sah man dann damit korrespondierende, meist grafische Effekte.

Als der Bühnenboden komplett mit liegenden, sitzenden und stehenden Gestalten übersät war, setze sich diese Figurenflut noch auf der hinteren Wand fort, weil sich bewegende, lebensgroße Scherenschnitte von Tänzern dieses Bild scheinbar ins Grenzenlose erweiterten.

Dieser ungemein energetische und poesievolle Abend endete wie im Rausch, als die überglücklich tobenden Darsteller mit ihrer Begeisterung das Publikum mitrissen und Ulrike Schlue und Clara Pujalte lautstark auf die Bühne zwangen. Die Masse jubelnder Darsteller verschmolz dann fast mit den beiden.

Auch das ein Bild, das bleibt.

Von Lothar Krone

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