Der Mensch, Ignorant der Misere.

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Die Theatergruppe „¡EX IT!“ inszenierte zusammen mit dem Offenen Kunstverein das Stück „Verstummung“ nach Camus’ „Die Pest“

Die Katastrophe in der kleinen Stadt beginnt mit Ratten und Ungeziefer. „Sie kommen aus allen Löchern, zu Tausenden, und krepieren vor unseren Füßen“, heißt es in Albert Camus’ Werk „Die Pest“. Sein 1947 erschienener Roman, Pflichtlektüre in französischen Schulen, gehört längst zum Kanon der Nachkriegsliteratur und führt doch hierzulande eher ein Schattendasein. Camus, Literaturnobelpreisträger, der 1960 bei einem Autounfall aus dem Leben gerissen wurde, schrieb mit „Die Pest“ ein mit Kriegsmetaphorik durchsetztes Drama über die Hilflosigkeit angesichts eines Belagerungszustandes. Dass das Buch hervorragend auf der Bühne funktioniert, bewies am Donnerstag in der fabrik die Jugendtheatergruppe „¡EX IT!“ bei der Premiere ihrer Inszenierung „Verstummung“.

Dass die Ratten in der Stadt seien, erzählt der Blinde (Victor Vallbracht), wie im antiken Drama die Funktion des Hellsehers erfüllend, der Ärztin (Johanna Ziemer). Sie ist die zentrale Figur des Stückes und steht am Scheitelpunkt der Katastrophe. Sie spaltet sich auf in sie selbst und ihre Erinnerung (Pauline Benz), sodass zwei Figuren im selben Erscheinungsbild nebeneinander stehen und miteinander reden – ein verblüffend gut funktionierender Kunstgriff. Nach dem Ungeziefer kommt das Fieber und kurz darauf der Tod. Die Krankenhäuser sind überfüllt, bald auch die Schulen, die Straßenbahn fährt nur noch, um die zahllosen Leichen zu transportieren.

Das Szenario bietet zwei Perspektiven – zum einen die panische Hilflosigkeit, aber auch das Gegenteil: Der Mensch wird zum Ignoranten, entwickelt Strategien der Selbstberuhigung, gestorben wird eben woanders – wenigstens lebt man noch. Hilfe ist auch nicht vom Priester (Jonathan Sendker) zu erwarten, der diese Seuche zu einer mittelalterlichen Geißel stilisiert: „Es ist der göttliche Wille, der Gutes in Böses verwandelt“, predigt er, während die Ärztin, gesegnet mit Atheismus, verbissen dagegen kämpft: „Man wird des Mitleids müde, wenn es nutzlos geworden ist“, resigniert sie letztendlich. Zum Schluss stirbt die Solidarität, die sich als Immunisierung nicht durchzusetzen vermag. Unterdessen wird die Stadt mit Waffengewalt abgeriegelt und in Quarantäne versetzt.

Wie das Theaterstück dramaturgisch umgesetzt wird (Regie: Karin Rehbock und Katja Tront), lässt einen schlicht staunend zurück. Die Handlung strotzt vor potenziell pathetischen Fallen, aber keine einzige wird mitgenommen. Alles fügt sich letztlich zu einem großen Ganzen: die live eingespielte Musik (Leitung: Matthias Opitz), die zum genau richtigen Zeitpunkt eingesetzten Videos, die auf die die Bühne (Gunnar Vagt) zerschneidende Leinwandstreifen in Maueroptik prallen. Aber es ist auch die schauspielerische Leistung der 15- bis 18-Jährigen, die zum Staunen bringt – das herkömmliche Jugendtheater, das sich selbst ausprobieren muss, scheinen die Darsteller bereits hinter sich zu haben.

Am Ende des Stückes zieht sich die Seuche zurück, weil auch Verderben keine Ewigkeiten kennt – Und weil Camus ganz im Sinne des klassischen Dramas eine Auflösung bietet. Was bleibt, ist Läuterung, Verlust und der Geschmack bitterer Erkenntnis im Rachen. Und ein tosender Applaus der stummen Zeugen im Publikum, der mehr als verdient war: ein wunderbares Stück. Oliver Dietrich

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