Anarchistisches Stück für Kinder in der „fabrik“

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Wenn Kinder oder Jugendliche Theater spielen, orientieren sie sich meist an den ganz Großen: Theatralik statt Theater, immerhin ist die Bühne ein Ort, an dem in großen Gesten etwas dargestellt werden soll. Das macht Spaß, keine Frage, läuft aber nicht immer unkompliziert ab. Wie es im Idealfall laufen kann, das war am vergangenen Wochenende zu sehen, als die Jugendtheatergruppe „Tabularasa“ ihr selbst geschriebenes Stück „Das Dorf der Sünde“ im Theatersaal der „fabrik“ aufführte.

Auf der Bühne, gebaut von Kasia Zasada, gab es Leidenschaft zum ganz großen Drama: Dafür braucht es keine Professionalität, nur Leidenschaft und den Mut zum Humor. Aber gerade Komödien sind besonders schwer auf die Bühne zu bringen, liegt die Herausforderung doch darin, stringent das Publikum zu unterhalten, ohne dass die Witze verpuffen. „Tabularasa“ ist das gelungen: Mit Liebe zum Detail und reichlich Schwung sorgte „Das Dorf der Sünde“ für zahlreiche Lacher, die definitiv nicht nur halbherzigen Kalauern geschuldet waren.

Die Handlung (Regie: Laura Thyrolf und Nathalie Fribourg) könnte für eine Tragödie shakespeareschen Ausmaßes taugen, man könnte sie aber einfach nur als komplett irre bezeichnen: Prinzessin Rosalinde (Alissa Krengel) und Prinzessin Hope (Emma Birkner) sind das Produkt einer Affäre zwischen einem Räuber und einer Kräuterhexe, unehelich natürlich – nach christlicher Lesart offiziell eine Unmöglichkeit in den finsteren Zeiten des Mittelalters. Die unter wehleidigem Geschrei geborenen Zwillinge werden also an den königlichen Hof verkauft, wo sich die beiden Königinnen ihrer annehmen. Königinnen? Richtig: Königin Louise (Undine Paul) und Königin Victoria (Emma Birkner) sind zwar gute Eltern, aber gleichzeitig Vorzeige-Lesben. Noch so ein Unding, wenn man den mittelalterlichen Zeitrahmen bedenkt.

Ganz dumm also, wenn das Volk davon erfahren würde, was für Unzucht am Königshof getrieben wird. Deshalb werden die Steuern lieber nicht erhöht, damit das Volk keine Fragen stellt. In einer knackigen „Nein! Doch! Ohh!“-Szene kommt die Sünde jedoch ans Tageslicht: Der Pfarrer (Felix Holtmann) ist außer sich, in seiner Predigt prangert er das Geschehen in hohlen lateinischen Phrasen, die außer ihm ohnehin keiner versteht, an: „In flagranti! In vino veritas! Manus manum lavat!“

Mit wie viel anarchistischem Esprit die krude Story in Szene gesetzt wird, ist fast nicht zu fassen: Die Charaktere sind liebevoll ausgelotet, schon das Zusammenspiel der beiden Kräuterhexen Vanilla (Sarah Loose) und Priscilla (Lola Wills) ist zum Schreien und urkomisch – besonders Priscilla mit ihren kleinen Tippelschritten und dem schelmischen Grinsen. Aber auch die Dorfbewohner, die auf dem Markt eckige Äpfel und Bananen anpreisen, sind herrlich anzusehen.

Dramatisch wird es zum Showdown, wenn einer den anderen abmurkst und im großen Stil gestorben wird: Der Tod (Daniil Mironets) – klassisch mit schwarzer Kapuze und Sense sowie tiefer Stimme aus dem Off – ist zunächst noch genervt: „Es ist langweilig. Keiner stirbt!“, mault er, bevor er sich ans Klavier setzt und spielt. Am Ende, als die Rachegeschichte endet, darf er dann die Seelen der Toten einsammeln, wie es sich für ein großes Drama gehört. Shakespeare lässt grüßen! Oliver Dietrich

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